Die Ausstellung VALÉRIE BELIN „Le songe des idoles“- die erste in unseren neuen Räumen in Düsseldorf Flingern – gibt den Auftakt unserer neuen Zusammenarbeit mit einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen der französischen Szene. Es ist zugleich die erste signifikante Präsentation dieser herausragenden Vertreterin der Gegenwartsfotografie in Deutschland seit über zwanzig Jahren. Mit vierzehn Fotografien aus den letzten zwölf Jahren gewährt diese repräsentative Auswahl Einblicke in die wesentlichen Aspekte ihres Schaffens.
Seit Ende der 1990er Jahre hat Valérie Belin rund fünfzig Serien geschaffen und dabei eine kraftvolle Bildsprache mit großer thematischer Kohärenz entwickelt. Ausgehend von den Anforderungen der analogen Fotografie und der Studioaufnahme hat sie nach und nach neue technische Möglichkeiten in ihre Arbeit integriert. Ihre großformatigen Schwarz-Weiß-Serien „Miroirs“ (1997), „Bodybuilders“ (1999), „Mariées marocaines“ (2000) oder „Mannequins“ (2003), die sich durch skulpturale Präzision und übernatürliche Schärfe auszeichnen, sind zu Ikonen geworden und haben die Geschichte der zeitgenössischen figurativen Fotografie maßgeblich geprägt. Seit 2010 werden die im Studio fotografierten Bildelemente – Models, Zeitschriften, Blumen, Spiegelungen … – in komplexe Montagen und Überlagerungen zusammengefügt, die im Rahmen eines akribischen digitalen Nachbearbeitungsprozesses entstehen und an malerische Kompositionen erinnern. Vom puristischen bis zum übersättigten Bild: die plastische Entwicklung ihrer Bildsprache zeugt von der Intensität ihrer bildnerischen Erforschungen und Überlegungen.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Frauenbild, ein wiederkehrendes Thema im gesamten Werk von Valérie Belin. Für sie ist die Frau – das ewig Weibliche – das Objekt von Projektionen und Stereotypen schlechthin – ob Comic-Heldin oder Pin-up –, deren normative Codes sie neu interpretiert. Für ihre Serien wie „New Marilyns“ (2024), „Lady Startdust“ (2023), „Heroes“ (2022), „All Star“ (2016) und „China Girls“ (2018), aus denen wir Werke zeigen, wählt sie echte Agenturmodels aus, die sie im Studio in Szene setzt und fotografiert. Diese Gesichter sind die perfekter Schönheiten – meist nach dem Kanon der 1950/60er Jahre. Unpersönlich, stumm und still – ideale Oberflächen, auf die sich jede Fantasie projizieren lässt.
Durch ihre musealen Maße (170 x 130 cm) wirken sie wie erhabene Idole im ursprünglichen Sinne des Wortes (lateinisch „idolum“, aus dem Griechischen „eidôlon“, Bild) als „göttliche Darstellung in materieller Form (Bild, Statue), die Gegenstand eines Verehrungskultus ist“. Im Gegensatz zu ausdrucksstarken, lebendigen Porträts sind sie maskenhaft glatte Figuren, deren abwesender Blick sich in einer anderen Dimension als der unseren verliert. Doch durch die Vielzahl der sich überlagenden Bildelemente – Sprechblasen und Zeichnungen aus Comics der 1950er Jahre, Schlagzeilen oder Fotografien von Gegenständen oder Blumen, die die gesamte Oberfläche einnehmen, provoziert die Künstlerin eine visuelle Sprengung. Die energetische Verdichtung erzeugt eine faszinierende visuelle Spannung. Was zeigen uns, was verstecken diese überladenen, palimpsestartigen Bilder?
Neben den schwarz-weißen und farbigen großformatigen Pigmentprints zeigen wir vier kleinere Heliogravuren aus der Serie „New Marilyns“ (2024), 66 x 49,5 cm, ein traditionsreiches, in Handarbeit entstehendes Verfahren, das als die schönste Methode zum Drucken fotografischer Bilder gilt. Auch hier scheint die dynamische Bilderwelt altmodischer Comics die von Marilyn’s Schönheit inspirierten Portraits zu überfluten und ein aufmerksames Entziffern zu fordern.
Indem sie mit den Prinzipien von Konstruktion und Dekonstruktion des Bildes spielt, hinterfragt und erforscht Valérie Belin unablässig die Codes des Scheins und der Schönheit. Unabhängig vom Motiv speisen sich ihre Werke immer aus gegensätzlichen Begriffen – dem Stillen und dem Bewegten, der Anwesenheit und der Abwesenheit, dem Natürlichen und dem Künstlichen. Sie rufen simultan widersprüchliche Gefühle hervor wie Anziehung, Abneigung, Verführungswunsch, Misstrauen und lösen dabei ein ganz besonderes Unbehagen aus, ein Hinterfragen der Darstellung der Realität, des Bildes an sich und seiner Macht.
VALÉRIE BELIN (1964) studierte Kunst und Kunstphilosophie von 1983 bis 1989 in Bourges und Paris.
Retrospektiven und Einzelausstellungen haben in renommierten internationalen Museen stattgefunden wie u.a. dem Huis Marseille, Amsterdam (2007), der Maison européenne de la photographie, Paris (2008), dem musée de l’Elysée, Lausanne (2008), dem Centre Pompidou, Paris (2015), dem Victoria & Albert Museum, London (2019) und dem Musée Picasso, Barcelona (2026). 2022 wurde sie zum Commandeur de l’Ordre des Art et des Lettres ernannt, 2024 als Mitglied in die Académie des beaux-arts gewählt. Zahlreiche, umfangreiche Publikationen und Monografien begleiten ihre Ausstellungen und dokumentieren ihr Schaffen seit 1994.
Ihre Arbeiten befinden sich in Sammlungen führender Institutionen, darunter dem MoMA in New York, dem Centre Pompidou in Paris, dem V&A in London, der Maison Européenne de la Photographie in Paris, dem Musée de l’Élysée in Lausanne, dem Kunstmuseum Liechtenstein, dem Kunsthaus Zürich, dem MUDAM, Luxembourg, der Sammlung Essl, Klosterneuburg, und dem San Francisco Museum of Modern Art.
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